Theater Augsburg

Verrücktes Blut

von Nurkan Erpulat und Jens Hillje
frei nach dem Film "La journée de la jupe" von Jean-Paul Lilienfeld
Premiere: 
12. April 2014
Projekttag. Schiller steht auf dem Programm der Theater-AG: Die Räuber und Kabale und Liebe. Sonia Kelich, die Lehrerin, redet über Schillers Ästhetik, aber keiner hört zu. Die Schüler haben andere Sorgen. Die Lehrerin wird überschrien, Macho-Gehabe und Gewaltandrohungen füllen den Unterrichtsraum bis im Gerangel eine Pistole aus dem Rucksack fällt. Die Waffe ist echt, und sie ist geladen. Sonia Kelich greift zu. Die Lehrerin wird zur „Bildungsterroristin". Ein absurdes Verwirrspiel beginnt, in dem Schulalltag und Schillers Pathos, Migrationsprobleme und die Not der Lehrer, soziale Benachteiligung und idealistische Ideen ein beängstigendes wie komisches Amalgam bilden - bis das Theater alle erlöst.
Besetzung: 
Louisa Stroux: Sonia Kelich
Helene Blechinger: Latifa
Sarah Bonitz: Mariam
Florian Innerebner: Hassan
Ulrich Rechenbach: Musa
Sebastian Baumgart: Bastian
Alexander Darkow: Hakim
Anton Schneider: Ferrit
Bühnenbild: 
Susanne Hiller
Kostüme: 
Karoline Schreiber
Dramaturgie: 
Oliver Brunner/ Lina Zehenlein
Regie: 
Ulf Goerke
Foto(s): 
Nik Schölzel

Kritiken

Augsburger Allgemeine Zeitung

Nun ist auch an Augsburgs Brechtbühne zu beobachten, auf wie unterhaltsame, witzige und originelle Weise Sarrazin auf den Kopf gestellt werden kann. (...) Hochkultur trifft Subkultur, Schillers Kunstsprache bricht sich am Slang der Straße; seine elektrisierten Gemütszustände spiegeln sich aber in der Wildheit der Klasse wider. Das alles ist eine schillernde Gemengelage aus Widersprüchen und Übereinstimmungen, die Regisseur Ulf Goerke in eine schnelle, urkomische Komödie verwandelt. Ihm gelingt der Drahtseilakt, den derben Proll- Witz und gleichzeitig den Sinn und Hintersinn des Stückes heraus zu arbeiten. Das beginnt mit der Bühne von Susanne Hiller: Auf dem nachgebauten, stilisierten Vorhang der Theaterfassade turnen die acht Schauspieler herum. Das setzt sich mit den Kostümen (Karoline Schreiber) fort. (...) Das gipfelt mit dem hingebungsvollen, durchgeknallten Ensemble. Achtung- Deutschland geht unter! (...) Bravo!

Bayerische Staatszeitung

(...) Regisseur Ulf Goerke zeigt die von Karoline Schreiber in lässigen Schlabberlook gewandeten Jugendlichen als stinkgelangweilten und extrem gewaltbereiten Cocktail gockelhaft herumprotzender Machos und sexuell schwerstbeschädigter Hascherl. Das Augsburger Ensemble schlägt sich prächtig mir der Gestaltung dieser bedauernswerten Opfer eines fundamentalen bevölkerungspolitischen Wandels, dessen Ende noch lange nicht in Sicht ist. (...) In einem solchen Cross- Over kommt uns der alte Schiller so nah wie selten. Beifallsstürme für alle Beteiligten.

Neue Szene

Nix für Feingeister der Abend, aber ehrlich gesagt hatte die Premiere von "Verrücktes Blut" am Samstag auf der Brechtbühne auch nichts wirklich Erschütterndes oder allzu Provokantes. (...)
Zu brav also die Inszenierung? Ja. Eigentlich schon. Aber herrlich, wenn die Schüler ihre Konflikte in Schillers Worten mehr spucken als sprechen, herrlich, wenn sie selbst mit der Waffe in der Hand endlich ihre Meinung sagen können und herrlich, wenn die wilden Kerle der Lehrerin den Schiller geigen und ihr die Gefolgschaft in die – demokratische? – Selbstjustiz verweigern.
Der Spiegel schrieb 2010 über die Premiere in Berlin, die Zuschauer hätten sich gebogen, "bald vor Lachen und vor Grauen". Ein bisschen mehr Grauen hätte es schon sein dürfen – das vertragen mittlerweile in Augsburg auch die älteren Herrschaften in der ersten Reihe. Ansonsten: Bitte mehr so geilen Stoff, ey!