Pathos München

Fünf Wochen Unendlicher Spaß

nach David Forster Wallace/ eine anstart.org Produktion
Premiere: 
8. November 2014
Fünf Wochen Unendlicher Spaß- fünf Premieren- an fünf aufeinander folgenden Samstagen! anstart.org nimmt den Roman „Unendlicher Spass“ von David F. Wallace als Anlass und Inspiration für 5 Wochen modellhaft gezeigtes gemeinsames Leben. Darin werden sich die Grenzen zwischen Realität, Theater, Performance, Literatur, Sport und Wissenschaft auflösen. Unser Ziel ist es, durch die skurrilen Geschichten, fiktiven Biografien und utopischen Gesellschaftsentwürfe des Romans in der Münchener Realität des Jahres 2014 zu intervenieren und der Frage IN WELCHER WELT WOLLEN WIR LEBEN nachzugehen. Neben dem Stammteam, bestehend aus den vier Spielern, zwei Machern, zwei Musikern und der Klasse "Medienkunst" der Akademie der Künste wird es an jedem Samstag Gäste aus unterschiedlichsten Fachbereichen geben, die uns bei der Beantwortung unserer zentralen Frage weiter helfen sollen. Gefördert durch das Kulturreferat München
Besetzung: 
es spielen: Clara-Marie Pazzini, Olga Nasfeter, Golo Euler, Andreas Hilscher
special appearance: Eva Büchi
Gäste: Stormy Heather, Simone Lautenschlager, Schauspielschule Zerboni, Thomas Wenke, Marcus Coelen
Bühnenbild: 
Matthias Wulst
Kostüme: 
Silke Mederer
Musik: 
Jonas Mayer
Marie Kraushaar
Video: 
künstlerische Leitung: Manuela Hartel; Klasse Medienkunst, Akademie der Bildenden Künste München
Regie: 
Ulf Goerke
Foto(s): 
Konrad Fersterer/ Silke Mederer

Kritiken

Nachtkritik

Man muss schon ein klein wenig größtenwahnsinnig sein, um sich als Theatermacher an David Forster Wallace´ Mammutroman "Unendlicher Spaß" zu wagen. (...) Weil man das alles unmöglich in eine Premiere packen kann, haben der Regisseur Ulf Goerke und das Performance- Kollektiv anstart.org eine mehrteilige Reihe konzipiert, in der sie an fünf Abenden Motive und Themenstränge bündeln wollen. Dafür haben sie sich einen richtig feinen Einstieg einfallen lassen. Mit schöner Ironie beschwören die vier Akteure den Hype, den der Roman bei seinem Erscheinen auslöste, suchen fiebrig und finden hysterisch euphorisch und opernarienhaft jubilierend Exemplare davon in einem Schrank, einem Backofen und einem Tennisball gefüllten Einkaufswagen, ehe sie ihre Gesichter in die Seiten versenken. Sie kichern, lachen laut auf, ächzen, stöhnen und heulen, fächern alle Reaktionen von Wallace- Lesern auf. (...) In locker aneinandergefügten kleinen Spielszenen vergegenwärtigen sie Passagen des Romans. In einer lustigen Tanz- und Gesangsnummer bekemmen sie sich fröhlich zu Marihuana- Liebhaber und verwandeln sich im nächsten Augenblick in rastlose, sich kratzende und keuchende Jammergestalten, die nach der Lieferung ihres Stoffes gieren. Wir erleben ein gruseliges Tennissoldaten-Ballett mit Kampfschreinen, bei dem ein jeder kurz zum Kotzen ausschert, um sich gleich darauf wieder brav einzureihen. (...) Doch man muss mit dem Roman nicht vertaut sein, um an diesem Abend seine Freude zu haben. Dafür sorgen die mit Spielwitz und -lust agierenden Schauspieler. (...) Dafür war der Spaßfaktorhoch. So hat diese Roman-Hommage zwar keine relevanten Erkenntnisse geboten, doch einen lustvollen Einstieg in den Wallace-Kosmos, der neugierig macht auf das, was in den nächsten Wochen kommen wird.

Superpaper

Fünf Wochen Unendlicher Spaß- Sa. 19. 11
Auf dem Centercourt des Leidens
Es wird gekifft, gekämpft, trainiert. Leistungsdruck, Drogen und Depressionen in der Enfield Tennis Academy. (...) Ein simpler grüner Filzteppich in der Mitte der kleinen Bühne, zwischen den beiden Zuschauertribünen, darauf ein paar Streifen weißes Klebeband: Fertig ist der Centercourt des Leidens, auf dem vier Akteure diesen Abend von Ihren Ängsten und Wünschen berichten. (...) Es ist der dritte Abend, die dritte Premiere, dieses seriellen Theaterprojekts das auf fünf Episoden angelegt ist.
Ulf Goerke und Matthias Wulst bringen in ihrem Projekt Teile dieser ausufernden Erzählung auf die Bühne: Sie destillieren einzelne Themenstränge, Leitmotive, Stimmungen und präsentieren jeweils ein Kondensat. (...) Wer den Roman nicht gelesen hat und nicht alle Episoden sieht, wird zwar vieles nicht sofort zuordnen können, dennoch entwickelt der Abend einen eigenen Sog.
Rasch werden Textcollagen präsentiert, Stimmungen geschaffen, Themenkomplexe geöffnet. Auch wenn man der Inszenierung durchaus ansieht, welche Anstrengung es für eine Off-Produktion bedeutet, fünf Premieren in fünf Wochen zu stemmen, wirkt sie nie verloren. 
Das liegt zuvorderst am Zusammenspiel der vier Akteure: Äußerst dynamisch reagieren die jungen Schauspieler aufeinander, bespielen gemeinsam den Raum der kleinen Bühne. Man merkt ihnen an, dass sie perfekt aufeinander eingespielt sind, sich kennen und vertrauen. Ein mit Tennisbällen gefüllter Einkaufswagen dient als zentrales Requisit – Bälle werden geworfen, gefangen, verstreuen sich über der Bühne. Auch wenn bei dieser Work-in-Progress Inszenierung einige Textstellen nicht perfekt sitzen, manchmal ein Video nicht perfekt startet, fangen die Schauspieler etwaige Aussetzer gekonnt auf, gehen spielerisch und souverän mit Unsicherheiten um. Es ist das körperliche, geradezu sportliche Spiel, das dieser Inszenierung ihre Dynamik verleiht. Dass bisweilen die dunklen Untertöne der Textvorlage angesichts dieses Rhythmus in den Hintergrund zu treten drohen ist nicht zu befürchten: Zu präzise treffen die ausgewählten Texte von David Foster Wallace den Punkt.