Landestheater Tübingen

Tag der Gnade

Neil Labute
Premiere: 
12. Oktober 2014
New York, 12. September 2001, der Tag nach dem Anschlag. Der Angestellte Ben wäre normalerweise unter den Opfern, ebenso wie seine Chefin Abby – aber beide waren nicht in ihrem Büro in einem der Zwillingstürme, sondern verbrachten ein Schäferstündchen in Abbys Wohnung. Alle paar Minuten klingelt Bens Handy – seine Frau. Aber Ben geht nicht ran: Er spielt mit dem Gedanken, einfach zu verschwinden und anderswo mit Abby ein neues Leben zu beginnen. Seine Spur würde sich in dem Inferno aus Schutt und Asche fraglos verlieren. Doch Abby will die einmalige Chance, die sich durch die Katastrophe ergibt, nicht nutzen – jedenfalls nicht so. Ground Zero als Kulisse für eine ganz private Stunde Null? Ben nennt das einen „Freifahrschein“ – aber kann man wirklich sein altes Leben hinter sich lassen und ein neues beginnen?
Besetzung: 
Sabine Weithöner: Abby
Daniel Tille: Ben
Ausstattung: 
Matthias Wulst
Dramaturgie: 
Kerstin Grübmeyer
Regie: 
Ulf Goerke
Foto(s): 
David Graeter

Kritiken

Esslinger Zeitung

Ulf Goerkes dynamische Inszenierung von Neil LaButes Kammerspiel nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, „Tag der Gnade“, bringt unausgesprochenen Ängste ans Licht. (...) Virtuos überwindet LaBute Grenzen
zwischen Boulevard und einem zeitkritischen Theater – eine typisch amerikanische Kombination, die in der deutschen Dramatik schwerer vorstellbar ist. Regisseur Ulf Goerke gelingt auf der intimen Experimentierbühne des Landestheaters ein klug komponiertes Kammerspiel. In Matthias Wulsts Bühnenraum mit Holzwänden und akkurat angeordneten Glühbirnen, der fiebriges Großstadtflimmern mit einem geistigen Gefängnis verbindet, setzt er
mit den Schauspielern ganz auf die psychologische Tiefenschärfe LaButes. Daniel Tille kämpft verzweifelt darum, sich aus seiner unglücklichen Ehe mit Kindern und Häuschen zu befreien, während Sabine Weithörner als eiskalte Abby sich von Karriere und Arbeit verschlingen lässt. Nur ganz sparsam lassen die Schauspieler zarte Gefühle zu, die sie im nächsten Augenblick auch schon wieder zertrampeln. Ganz nah holt Goerke Weltgeschichte an eigene Erfahrungswelten heran. Diese schöne Schlichtheit zieht sich wie ein roter Faden durch seine Regiearbeit. Der dynamische Ansatz unterstreicht, dass LaButes Text in der Übersetzung von Frank Heibert mehr ist als ein Beziehungsdrama von der Stange. Immer wieder stoßen die Akteure an eigene Grenzen, reiben sich zornig aneinander. Am Ende bleibt Sprachlosigkeit zurück. Im Angesicht der Katastrophe zeigen die Menschen ihr wahres, hässliches und verzweifeltes Gesicht.