Gostner Hoftheater Nürnberg

Neue Vahr Süd (UA)

nach dem Roman von Sven Regner
Textfassung: Joerg Bitterich
Premiere: 
16. Oktober 2008
1980. Frank Lehmann wohnt zusammen mit seinen Eltern in der Neuen Vahr Süd. Gerade hat er seine Lehre beendet, und nun muss er zum "Bund" - er hat irgendwie vergessen zu verweigern. Ihm stehen 15 harte Monate bevor. Zwar gelingt ihm nach einem Streit der Auszug aus dem Elternhaus in eine Studenten-WG. Doch während Frank die Woche über strammstehen, Hemden auf DIN A4 falten und durchs Gelände robben muss, streiten seine Freunde für ihre Version der proletarischen Weltrevolution, gegen Militär und Aufrüstung - und um die energische Sibille. 

Zwischen resignativem Desinteresse und agressivem Widerspruchsgeist pendelnd, kämpft Frank Lehmann für eine eigene, würdige Existenz zwischen zwei widersprüchlichen Welten und gerät von einer absurden Situation in die nächste.
Off- Inszenierung des Jahres 07/ 08 (Deutsche Bühne), Stern des Jahres 07 (Nürnberger Abendblatt), eingeladen zum Bayerischen Theatertreffen 08
Besetzung: 
Golo Euler, Andreas Hilscher, Fjodor Olev, Thomas Witte
Ausstattung: 
Mark Späth
Regie: 
Ulf Goerke
Foto(s): 
Mark Späth

Kritiken

Deutsche Bühne

Das hätte eigentlich schief gehen müssen: Einen dicken Wälzer voller schwadronierender Einsichts- Absichten über die bundesdeutsche Kollektiv- Seele in ein Theaterstück zu verwandeln. Nürnbergs Gostner Hoftheater, die führende Alternativbühne in Franken, ließ sich darauf ein und gab Regisseur Ulf Goerke den Freiraum für sein Traumprojekt. Ein Glück, denn Sven Regners Roman ist von 600 Seiten auf 90 Minuten erschlankt und entsprechend gut drauf. (...)
Ulf Goerke hat mit einem herzerfrischend spielfreudigen Herren- Quartett die nicht zimperliche Textfassung für eine Kettenreaktion zündender Comic- Spots genutzt. Ohne Vollständigkeits- Wahn, ohne Besserwisserei. Ein Text- Monument zur Handlichkeit gestaucht. Man kann den Improvisations- Lustgewinn der Schauspieler, die polternde Kraftmeierei und Hüften entblößende Grillen- Zicken, kreidestimmige Alternativer und abhängige Bier- Philosophen mit gleicher Emphase in die Szene zaubern, jederzeit nachvollziehen. Wie unter Goerkes Hand aus der zugespitzten Story eine kleine übermütige BRD- Groteske entsteht, das ist frappierend. Mehr noch, es ist komisch.

Donaukurier

Ingolstadt (DK) Das Autobahnschild im Zentrum des Raumes weist die Richtung: weg. Bloß weg aus diesem Bremer Neubauviertel, das dem zweiten Roman von Sven Regener den Titel gab: „Neue Vahr Süd“. Am Ende wird es dem Protagonisten Frank Lehmann gelingen. (...)
Das Nürnberger Privattheater gastierte mit „Neue Vahr Süd“ nun bei den Theatertagen in Ingolstadt. Weil einer seiner Schauspieler erkrankte, sprang der Regisseur sogar selbst ein. Im ausverkauften Kleinen Haus gab es für diese witzige Tour de Force für vier Schauspieler begeisterten Applaus. (...)
Joerg Bitterichs Stück beginnt mit dem Ende: Pionier Lehmann hat die Bundeswehr satt und will nach der nachträglich angestrebten, aber missglückten Verweigerung seine Untauglichkeit auf anderem Weg erreichen. Ein Tabletten- Alkohol-Cocktail kurz vor dem Appell soll ihm den Weg in die Freiheit ebnen.
Wir sehen ihm also zu Beginn beim Abzählen der Pillen zu – und erfahren in Rückblenden, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Auf vier Spieler verteilt Regisseur Ulf Goerke den Plot, lässt sie – Gedankenwesen in der Erinnerung des Protagonisten – in verschiedene Rollen schlüpfen. Jeder darf mal Frank Lehmann sein, darf unterschiedliche Eigenschaften und Wesenszüge ausspielen: Golo Euler, Andreas Hilscher, Fjodor Olev und Regisseur Goerke selbst. Das Tempo ist hoch, von Beginn an. Rasche Szenenwechsel. Pointierte Dialoge. Chorische Klage. Frauenparodien. Spiel mit absurden Momenten, Groteske und Klischee: Das ergibt einen höchst amüsanten Abend, der mit viel Gelächter und langem Beifall belohnt wurde.

Nürnberger Nachrichten

(....) Regisseur Ulf Goerke gelingt es, die üppige Handlung des Romans als Eigenproduktion des Gostner Hoftheaters pfiffig verknappt, doch spannungsreich verstrickt zu inszenieren, ja, ein erfrischend choreographiertes Unterhaltungsstück aufzutischen. Es sind harte Szenenwechsel, die dem Stück sein Profil verleihen. Nach jeder Sequenz sitzt man frisch durchblutet da. Viel lebt vom Rollentausch, der dem Zuschauer abverlangt, stets auf Neue auszumachen, wie die vier Mimen den Großsprecher oder Kleingeist jeweils herausmodelieren. Vom ersten Kuss bis zum letzten Spruch ist „Neue Vahr Süd“ prima dargebotene, quitschlebendige Bühnenkunst, die nicht viel Schnickschnack braucht, aber auch keine Angst vor neuen Medien hat. Applaus für die große Wirkung kleiner, gefühlvoller Gesten und Geräusche, die bei aller Innigkeit nie als Betroffenheitsposse langweilen.