Zentraltheater, München

Moby Dick

nach Herman Melville
Premiere: 
30. Mai 2017
Noch zu seinen Lebzeiten war Herman Melville ein vergessener Autor. Erst in den 20er Jahren begann die weltweite Rezeption von MOBY DICK. Wenige Jahrzehnte später schien es, als hätte es das Motiv vom einbeinigen Kapitän, der verbissen ein für ihn furchterregendes Ungeheuer über die Weltmeere jagt und am Ende in die Tiefe gerissen wird, schon immer gegeben. MOBY DICK- die Geschichte einer Obsession; um Seefahrt, Selbstfindung und Freiheit. Um Langeweile- eine wahre Geschichte um Zerstörung, Hybris und Vernichtung. Um Feindbilder, Ausbeutung, Rache- viel Rache, Mensch gegen Natur. Abschlachtung, Der Lust am Exzess, an der Brutalität- um Fanatismus, Gruppenzwang und Profitgier. 1851 erschienen, liefert MOBY DICK ein bis heute gültiges Bild vom Zustand einer männlich geprägten Zivilisation, die in der Überschätzung auf die menschliche Willenskraft beständig Gefahr läuft, dem eigenen Untergang sehenden Auges entgegen zu gehen. Sieben Spielerinnen versuchen seit Jahrhunderten festgelegte Männer- und Frauenbilder mit Hilfe des Romans von Herman Melville nachzugehen und zu hinterfragen.  
Besetzung: 
es spielen: Malene Becker, Anna Bomhard, Laura Fritsch, Amelie Heiler, Rilana Nitsch, Rosalie Schlagheck, Anuschka Tochtermann
Regie: 
Ulf Goerke
Foto(s): 
Gila Sonderwald

Kritiken

Süddeutsche Zeitung

Die Walfängerinnen
"Moby Dick", aufgeführt am Zentraltheater vom Nachwuchs aus der Schauspielschule Zerboni, hinterfragt überkommene Geschlechtermodelle
Also, es geht um Hybris, Zerstörung, blinde Rache, Vernichtung von Natur und Ressourcen. "Könnte es sein, dass es sich hierbei um einen Männerroman handelt", fragt da gleich eine der sieben Darstellerinnen. (…) Ein Exempel, denn zunächst müssen noch ein paar ganz allgemeine Dinge geklärt werden. Sachen wie: Wie fühlt es sich an, nur nach vorne zu denken; wie fühlt sich die pure Lust am Siegen an; sind Männer, die mit vielen Frauen schlafen, auch heute noch Helden und umgekehrt Frauen, die viele Männer haben, Schlampen? Um das und ähnliche Fragen zu klären, müsse ein Beispiel her aus einer Zeit, in der Männer noch Männer und Frauen noch Frauen waren. Und deshalb spielen die sieben jungen Frauen auf der Bühne nun "Moby Dick".
Als der März dieses Jahres anbrach, eröffnete das Zentraltheater. Es befindet sich in den Räumen der Schauspielschule Zerboni (…) Riggers will kein Theater als Präsentationsbühne seiner Schüler, er will etwas Eigenständiges erfinden und ist auf gutem Weg dahin, auch wenn die, die nun "Moby Dick" spielen, alle noch auf der Schule sind. In zwei Monaten sind sie fertig, und die meisten der Sieben, die nun auf Walfang gehen, müssen vorm Berufsleben keine Angst haben. Riggers sieht die Aufführung mit dem weiblichen Teil seiner Abschlussklasse als absolute Ausnahme an. (..) Aber freilich, die Ausnahme hat auch ihren ganz eigenen Reiz. Sie liegt am Anfang in der Verwunderung der jungen Damen, sich in der Regie von Ulf Goerke den Stoff aus fernen Zeiten aneignen zu müssen. Sie ziehen Männerkleidung an, spielen Männer, mit viel Witz und viel Selbstironie. Sie erzählen viel Wissenswertes über Wale, Walfang, den Beginn der Industrialisierung in Amerika, die das Walrat erleuchtete, als Öl für die Lampen. Und sie erzählen natürlich den Roman, mit der schwer lastenden Sprache Melvilles, mit viel ulkiger Körperlichkeit, die sie sich in den Proben am Abend aneigneten. Tagsüber Schule, abends Proben, Riggers ließ keinen Schlendrian beim Unterricht zu.
Mit mehr Zeit hätte man vermutlich den Darstellungen des Walfangs, der Imagination körperlicher Arbeit, mehr Inspiration mitgeben können, da fährt das Schiff, das man sich im Kopf vorstellen muss, schon ein wenig im Kreis. Aber die Sieben machen Freude mit ihrer jugendlichen Energie. (…) Schließlich werden sie wieder zu Mädchen, und das Ende ist so schön wie der Beginn. Fasziniert berichten alle Sieben, die sich mitunter zu nicht immer gänzlich glückhaften Chören zusammenfinden, von der Begegnung mit einer Potwal-Herde, von Wal-Kühen und Jungtieren. Dann wird Moby Dick gesichtet, aber Ahabs Rache bleibt unerfüllt. Die Darstellerinnen legen die Männerkleidung ab, verlassen den Verbund der Mannschaft, haben keine Lust auf das Töten des Tieres, werden wieder zu Frauen. Subtil ist das nicht, schön indes schon.
von Egbert Toll

Münchener Abendzeitung

Wenn Frauen mit einem Männermythos spielen.
Ein neues Theater am Hauptbahnhof: das Zentraltheater spielt „Moby Dick“ nach Herman Melville.
(...) Regisseur ist Ulf Goerke, der sein Handwerk in Berlin an der Ernst Busch Schule und der Münchener Theaterakademie lernte. Dafür ist das Ensemble komplett hausgemacht: Alle sieben Darstellerinnen liegen gerade kurz vor ihrem Abschluss bei Zerboni.(…) Doch in den anderthalb Stunden, auf denen der umfängliche Abenteuerroman um den weißen Wal zusammen gedampft wurde, ist von Überforderung keine Spur. Listig spielen hier junge Frauen mit einem Männer- Mythos. Rotten sich zu einem Chor wie aus einer griechischen Tragödie zusammen, dann sind sie gemeinsam der übermächtige und von Rache getriebene Kapitän Ahab. Zwischendurch wird mit viel feiner Ironie über diese Welt der Männer philosophiert und doch eine Gespür entwickelt für die ungeheure Härte des Walfänger- Daseins. Obwohl ständig in der Gruppe, gelingt es Ensemble und Regie, Individualitäten plastisch heraus zu spielen. Den weiteren Produktionen kann froh entgegen gesehen werden.